Donnerstag, 27. Januar 2011

Logische Fehlschlüsse (16) - Argument von der Wiederholung

Beschreibung: Eine Behauptung wird so häufig wiederholt, dass diese als wahr akzeptiert wird.

Logische Struktur: A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr. A ist wahr.

Beispiele: Nehmen wir doch als Beispiel die behauptete Unverzichtbarkeit  der Kirche/Religion für unsere Gesellschaft.
"Ich sehe auch nicht ein, warum wir unser bewährtes System aufgeben sollten, das ohnehin ganz andere Möglichkeiten für das Wirken der Kirche in Deutschland und für die Hilfe in anderen, gerade den armen Ländern eröffnet. Bisher hat noch niemand zeigen können, wie er die unweigerliche Schließung von kirchlichen Einrichtungen und Hilfeleistungen, den Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen und den Schaden für die Gesamtgesellschaft verantworten könnte."
- Bischof Müller, Quelle: hpd.de
"Das Diakonische Werk und seine karitativen Einrichtungen sind wichtige Pfeiler der sozialen Infrastruktur in Deutschland. Die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte der Diakonie tragen wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei."
- (sinngemäß) Bundeskanzerlin Angela Merkel, Quelle: domradio.de
"Mit der Kirchensteuer trägt die Kirche zum Wohlergehen der Menschen in Staat und Gesellschaft bei. Die Kirche verwendet die Steuer zum Beispiel für Kindertagesstätten und Schulen, durch die der Staat entlastet wird. Die Gesellschaft lebt zu einem nicht unerheblichen Teil auch von der Kirchensteuer."
- (sinngemäß) Kardinal Lehman, Quelle: domradio.de
"Obwohl ich nicht religiös bin, fürchte ich also eine gottlose Gesellschaft nicht weniger als jene, die religiös gebunden sind"
- Gregor Gysi, Quelle: kath.net

Kommentare:

  1. Der grundlegenden Intention der Beschreibung stimme ich zu. Aber die Beispiele sind schlecht gewählt, denn Bischof Müller, Kanzlerin Merkel und Kardinal Lehmann sprechen von Institutionen, die mit Religionen zu tun haben. Lediglich Gysi hat bei seiner Aussage ganz deutlich die Religion an sich im Sinn.

    Daher torpedieren die Beispiele die eingängliche Behauptung "Nehmen wir doch als Beispiel die behauptete Unverzichtbarkeit der Religion für unsere Gesellschaft"; diese wird nämlich tatsächlich nur einmal genannt und nicht wiederholt.

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  2. In der Tat unterscheide ich hier nicht zwischen Religion und der Institution Kirche, moechte aber betonen, dass die Unterscheidung eh sehr schwammig ist. So fasst sich die RKK selbst als (einzig wahre) Religion auf (Leib Christi).

    Die Differenzierung zwischen Instutition und Himmelsanschauung wird meistens von Menschen durchgefuehrt, die sich selbst als "glaeubig aber nicht religioes" einordnen, um sich von den Altlasten der Kirchen zu distanzieren.

    Meiner Erfahrung nach ist eine solche Differenzierung nicht mehr als ein Spiel um Wortdefinitionen und der Wahrheitsfindung nicht zutraeglich.

    Wie waere es mit folgender Aussage: "Nehmen wir doch als Beispiel die behauptete Unverzichtbarkeit der Kirchen für unsere Gesellschaft"?

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  3. Und wer glaubt dass er vor diesem Fehlschluss gefeit waere, der moege ein mal diese Liste durchgehen

    http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_common_misconceptions

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  4. @verquer: "Nehmen wir doch als Beispiel die behauptete Unverzichtbarkeit der Kirchen für unsere Gesellschaft" würde zumindest durch die Beispiele gestützt werden.

    Bauchschmerzen bereitet aber Dein Ritt quer durch den argumentativen Gemüsegarten:

    "Die Differenzierung zwischen Instutition und Himmelsanschauung wird meistens von Menschen durchgefuehrt, die sich selbst als "glaeubig aber nicht religioes" einordnen, um sich von den Altlasten der Kirchen zu distanzieren"

    Das ist nicht mehr als eine übergeneralisierte Schlussfolgerung, die aus persönlichen Erfahrungen gewonnen wurde. Und es ist darüber hinaus genau das, was Du der Differenzierung von Religion und Institution vorwirfst: Grenzen verwischend und "...der Wahrheitsfindung [also Deinem Anliegen!] nicht zutraeglich."

    BTW: Ich mag diesen Diskurs hier.

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  5. "Nehmen wir doch als Beispiel die behauptete Unverzichtbarkeit der Kirchen für unsere Gesellschaft" würde zumindest durch die Beispiele gestützt werden.

    Da es der Einfachheit des Verstaendnis dienen koennte, habe ich den relevanten Satz bereits abgeaendert.

    "Das ist nicht mehr als eine übergeneralisierte Schlussfolgerung, die aus persönlichen Erfahrungen gewonnen wurde."

    Ich bin mir dessen bewusst. Aber welchen Grund gibt es denn noch zwischen Religion und Kirche im vorliegenden Kontext zu unterscheiden? Und das im Bewusstsein, dass es die RKK selbst nicht macht...

    "Und es ist darüber hinaus genau das, was Du der Differenzierung von Religion und Institution vorwirfst: Grenzen verwischend und "...der Wahrheitsfindung [also Deinem Anliegen!] nicht zutraeglich.""

    Hmm? Mein Vorwurf ist, dass an dieser Stelle unnoetige Grenzen aufgezogen werden und nicht, dass diese verwischt wuerden.

    Aber ehrlich. Ich finde eine Diskussion ueber die rechte Grenzziehung zwischen Religion und Kirche ziemlich ueberfluessig. Ich fuehre sie nicht zum erstenmal und hab bisher noch keinen Mehrwert darin erkennen koennen.

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  6. Guter Artikel, richtige Beobachtung, das zugehörige Fremdwort wäre, glaub ich, "ad nauseam". Aber ich glaube, es ist eher kein Fehlschluss als vielmehr ein rhetorischer Trick, der sich in Politik und Wirtschaft überall findet. "Kernkraft ist sicher und außerdem gingen ohne sie die Lichter aus", "Solarsubvention", "Wer SPD wählt, wählt Kommunismus" (schon etwas älter), "Wer heilt, hat Recht", all diese Argumente und Slogans werden immer wieder und wieder wiederholt, bis zum Erbrechen (eben ad nauseam). Der Fehlschluss wäre dann zu glauben, dass sie stimmen, weil sie scheinbar so viele Leute, die man als kompetent erlebt, immer wieder vorbringen. Wichtig ist hier auch die Unterschiedlichkeit der Vorbringer. Daher ist Dein Beispiel schon gut gewählt, Müller, Merkel und Gysi, die sind normalerweise nicht einer Meinung, das zeigt, dass scheinbar jeder dieser Meinung ist. Es wäre also vielleicht eher der Fehlschluss von der überwältigenden Autorität!?

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  7. Das hier genannte Beispiel ist nicht nur ein Beispiel für Argument durch Wiederholung, sondern insbesondere die Einlassungen von Herrn Müller sind auch ein sehr schönes Beispiel für

    - eine Variante des Totschlagsarguments "Das haben wir schon immer so gemacht!" alias "ist bewährt".

    - Totschlagsargument "Schafft Arbeitsplätze". - Wird mE viel zu selten als Totschlagsargument erkannt, ist aber eindeutig eines, da man damit fast jeden Unsinn begründen kann.

    - FUD/Panikmache/Angstpropaganda. Gehört IMO zum Kern von Religionsapolegetik. So wird z.B. implizit behauptet, daß bei Wegfall der Kirchen alle Arbeitsplätze in kirchlichen Sozialeinrichtungen ersatzlos gestrichen werden würden etc. Wichtig bei FUD: Es läßt sich schwer falsifizieren (ggf. indem man blumige unbestimmte Begriffe nutzt wie "gesellschaftlicher Zusammenhalt" bis hin zur
    Chewbacca-Verteidigung) und wenn doch, dann funktioniert es nach dem Prinzip: Irgendwas bleibt immer hängen.

    Im vorliegenden Fall haben wir es übrigens mit einer besonders wirksamen Variante des Arguments durch Wiederholung zu tun: Die Wiederholung erfolgt nicht durch einen, sondern von mehreren Richtungen gleichzeitig, darunter auch scheinbar unverdächtige und neutrale Seiten wie Gysi. Letzteres bezeichnet man auch manchmal als 3rd-Party-Strategy. Damit sind hier auch mind. 2 weitere Fehlschlüsse gleichzeitig enthalten: Argument von der Mehrheit ("Jeder meint das so") und
    Argument von der Autorität (Da ist für jeden eine passende Autorität dabei.).

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