Freitag, 12. Februar 2010

Dein imaginärer Freund

Die persönliche Beziehung zur subjektiv bevorzugten Gottheit gehört mit Sicherheit zu den am häufigsten beschworenen Floskeln der Glaubensfraktion. Tatsächlich wird diese mystische Zauberphrase mit einer solch beeindruckenden Frequenz beschworen, dass man sich fragt, wen die Gläubigen wohl davon überzeugen wollen. Ihr gequältes Gegenüber oder sich selbst? Augenscheinlich vermutet selbst der Gläubige, dass er mit diesem Einblick in seine Gedankenwelt an der Grenze des psychisch Diagnostizierbarem kratzt. Mit dieser Vermutung hat der Gläubige nicht unrecht.


Die Imaginär-These: Die persönliche Beziehung zur bevorzugten Gottheit ist identisch mit der persönlichen Beziehung zu einem imaginären Freund.

Ich bin zwar der Auffassung, dass sich die Gläubigen die Existenz ihres imaginären und göttlichen Begleiters bloß einbilden und in diesem Sinne als gutartig verrückt anzusehen sind. Allerdings möchte ich betonen, dass ich dieses nicht als Vorwurf meine – auch wenn es vermutlich trotzdem so aufgefasst wird. In diesem ersten Teil des Beitrags möchte ich ein paar Grundlagen legen, die ich dann für die Diskussion im zweiten Teil benötige.

„Das bildest Du Dir doch nur ein!“


Hat sich der geneigte Leser eigentlich schon mal Gedanken darüber gemacht, warum diese Aussage als Vorwurf oder gar als Herabwürdigung aufgefasst wird? Die Implikation eines Schuldvorwurfs ergibt nur dann einen Sinn, wenn der Angesprochene selbst für seine Einbildung verantwortlich ist. Das ist allerdings nicht statthaft.

So muss man klar zwischen dem aktiv Ausgedachtem und dem passiv Wahrgenommenen unterscheiden. Wenn ich in einer Wolke ein Gesicht sehe, so liegt das an der unbewussten Interpretation von Sinneseindrücken meines Gehirns, auf die ich keinerlei Einfluss habe. Weil ich keinen Einfluss habe, dürfte mir wohl auch kaum jemand die Schuld daran geben, ein Gesicht zu sehen, wo keines ist.

Der Vorwurf sich alles nur einzubilden, ist also in etwa so sinnvoll, wie der Vorwurf einen genetischen Defekt zu haben.

Der imaginäre Freund in zwei Varianten

Ähnlich wie bei der Wahrnehmung kommt auch der imaginäre Freund in einer aktiven und einer passiven Variante vor. Die Existenz des aktiv und bewusst erzeugten imaginären Freundes sollte selbstevident sein. Während ich zum Beispiel diese Zeilen schreibe, richte ich die Worte in einem internen Dialog an einen virtuellen Gesprächspartner. Übrigens ist die mentale Fähigkeit, virtuelle Gespräche führen zu können, ein extrem wichtiges kognitives Modul namens entkoppelte Kognition.

Die Existenz des imaginäre Freundes in seiner passiven Variante liegt wohl nicht so sehr auf der Hand. Hier kann man sich aber eines einfachen Tricks bedienen und den Gläubigen selbst fragen. Stellst Du Dir Deinen Jesus einfach nur vor? - Nein? Quod erat demonstrandum.

Keine Methode zur Unterscheidung

Ich behaupte, dass es keine Methode gibt, mit der ein Gläubiger seinen göttlichen Begleiter von einem imaginären Freund unterscheiden kann. Fragt man diesen nach einer solchen, so erwidert er meist, dass er einfach fühlt, dass er sich seinen göttlichen Begleiter nicht einfach einbildet.

Überträgt man aber die bekannten Unzulänglichkeiten der passiven Wahrnehmung auf die passive Variante des imaginären Freundes, erklärt sich diese naive und unhinterfragte Beziehung des Gläubigen zu seinem göttlichen Begleiter. Natürlich fühlt sich der imaginäre Freund in seiner passiven Variante für den Einbildenden nicht wie eine (aktive) Phantasievorstellung an. Die Existenz eines solchen wird dem Gläubigen ja von seinem Unterbewusstsein vorgegeben und bei diesem Prozess geht das Gefühl des Irrealen verloren.



Im zweiten Teil möchte ich unter anderem auf das verbreitetste Gegenargument eingehen und aufzeigen, dass ein imaginärer Freund sehr wohl hilfreich sein kann.

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