Donnerstag, 17. September 2009

Gott, der fleissigste Abtreiber

Der Papst macht es. Mutter Teresa machte es. Und der unauffällige Christ von nebenan macht es auch. Gegen Abtreibung sein. Diese sollen ja die Tötung eines Menschen darstellen. Aber gut. Nehmen wir mal an, dass ein dritter Mensch im Raume ist, bevor auch nur die Zigarette danach angezündet wurde und überlegen ein wenig weiter.

Vielleicht ist ja einigermaßen bekannt, dass eine befruchtete Eizelle nicht unbedingt ein geborenes Kind nach sich ziehen muss. Der Weg vom Embrion zum Schreihals ist ein steiniger und so bleiben auch ohne menschliches Eingreifen einige auf der Strecke liegen. Tatsächlich kommt es häufig zu Spontanaborte, bei denen das Embrio vom Körper der Frau abgestoßen wird. Meisten verlaufen Spontanaborte subklinisch, d.h. dass der Abort nicht bemerkt wird, weil er sich zum Beispiel bloß in einer Unregelmäßigkeit der Regelblutung äußert.

Was aber vermutlich weniger bekannt sein dürfte, ist wie oft das vorkommt. Nach den absolut konservativsten Schätzungen, die ich in den Fachblättern gefunden habe, werden 11% der Embrionen spontan abgetrieben. Dabei hängt das Risiko für einen Spontanabort stark vom Alter der Frau und von ihrer individuellen Fruchtbarkeit ab und reicht von 11% bis zu 59% (siehe den Einzelquellennachweis am Ende dieses Beitrages).

Nun kommen jährlich 136 Millonen Kinder auf die Welt. Das sind die 89% der Embrionen, die es geschafft haben. Mit der Macht der Mathematik lässt sich nun errechnen, dass insgesamt etwa 153 Millionen Embrionen gezeugt werden und von diesen werden 17 Millionen auf natürliche Weise vom Körper der meist unwissenden Mütter abgetrieben. 17 Millionen pro Jahr!

Und wer hat nach gängigem monotheistischen Verständnis den Menschen erschaffen? Wer hat in all seiner Allwissenheit den Menschen mit dieser Eigenschaft ausgestattet? Wer ist also verantwortlich für alle diese getöteten Kinder? Wer ist der fleissigste Abtreiber?

Aber ich kann ja die Christen praktisch schon hören. "Das ist für mich ein Zeichen der gefallenen Schöpfung", "Wir dürfen Gott nicht mit der menschlichen Moral bewerten", "Gott wird es am Besten wissen", "Dank meines Glaubens brauch ich nicht mehr selbstständig zu denken und ich find das klasse."



25% Spontanaborte wurden gefunden in
New England Journal of Medicine, 340 (1999): 1796–1799.
http://content.nejm.org/cgi/content/abstract/340/23/1796

32% Spontanaborte wurden gefunden in
Fertility and sterility, 79 (2003): 577-584.
http://www.fertstert.org/article/S0015-0282(02)04694-0/abstract

Je nach Alter 22% bis 59% Spontanaborte wurden gefunden in
Fertility and sterility, 91 (2009): 106-109.
http://www.fertstert.org/article/S0015-0282(07)03974-X/abstract

11% bis 27% Spontanaborte wurden gefunden in
Hum Reprod., 11 (1996): 406-412.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8671233

Kommentare:

  1. Interessante Statistik. Um es gleich zu sagen: Ja, ich weiß nicht (auch wenn ich Christ bin), warum so etwas passiert.

    Ob es jetzt die gefallene Schöpfung oder ein höherer Sinn ist, keine Ahnung. Ob Gott als Baumeister und Konstrukteur der Erde auch das Böse geschaffen hat, ist eine andere, wenn auch verwandte Frage. Indirekt beantwortest Du sie ja bereits durch die Aufmachung dieses Beitrags im, für Dich, theoretischen Sinne.

    Trotzalledem frage ich mich, ob das wirklich die Antwort auf die Kritk sein kann, die den Mord durch Menschen an Menschen rechtfertigt, die noch nicht der Gebärmutter entwachsen sind.

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  2. Nein. Das ist zumindestens nicht die vollständige Antwort auf diese Kritik und sollte sie auch gar nicht sein.

    Aber: Mord an Menschen durch Menschen darf nicht sein. Mord an Menschen durch Gott aber schon? Warum?

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  3. Das ist ein hochbrisantes Thema, bei dem man auf viel angestaute und auch antrainierte Aggressivität trifft.

    Aber ich finde eines ist schon mal klar, man kann nicht von Mord sprechen, weder "Gott" oder "die Natur" mit ihren Spontanaborten (wobei die in einer Phase der Entwicklung geschehen, wo selbst die verkniffensten Fundis noch nicht von einem Menschen reden würden) noch die Menschen mit ihren Abtreibungen.
    Mord ist, bin aber kein Jurist, meiner Meinung nach das gewaltsame Beenden eines menschlichen Lebens AUS NIEDEREN BEWEGGRÜNDEN und/oder MIT HEIMTÜCKE. Daher ist ein Soldat im Krieg gemeinhin nicht als Mörder anzusehen, man ist kein Mörder wenn man jemanden mit dem Auto umnietet oder sich mit tödlichem Ausgang gegen einen Vergewaltiger verteidigt.
    Eine Abtreibung ist, so man denn den Fötus bereits als Menschen im juristischen Sinne ansehen will, höchstenfalls Totschlag, aber da eine Selbstverteidigungssituation* vorliegt, straffrei zu behandeln.
    Gott und Religion sollte aus dieser Diskussion mal schön rausbleiben.


    *: ich gehe von den 99,9% der Frauen aus, die eine Abtreibung wünschen, weil sie ihre Lebenssituation durch das Kind im Moment wirtschaftlich oder psychisch bedroht sehen.

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  4. Ich sehe das, was als Spontanabort "rauskommt" durchaus als Mensch an. Viele "Fundis" sicherlich auch, sonst gäbe es ja die Diskussion um die Pille auch nicht.

    Die Frage, ob Gott der Typ ist, der die Aborte "durchführt" oder sonst irgendwie darin verwickelt ist, gehört zu der bereits angesprochenen Frage, ob Gott auch als Urheber des Bösen zu sehen ist.

    Totschlag oder Mord: Ich würde sagen, die Grenze ist maximal schwimmend zum Totschlag hin. Ich weiß nicht, ob ein Mörder sich jahrelange Planung durch den Kopf gehen lässt um schließlich sein Opfer zu töten.

    Im Vorfeld der Abtreibung findet zumindest in der BRD ein verpflichtendes Beratungsgespräch statt. Eine gewisse Auseinandersetzung findet also auch statt. Und ich weiß auch nicht, ob jede Frau sich so leichtfertig die Entscheidung macht.

    In dieser Diskussion den Soldaten zu erwähnen, dessen Rolle ja auch nicht unumstritten ist, ist eine andere Frage.

    Ich hatte in einem Bewerbungsgespräch einmal sinngemäß zu meinem Gegenüber gesagt (als er mich zu einer Stellungnahme dazu gebeten hatte), dass letzten Endes die Gesellschaft in einer Demokratie die Titel vergibt. In diesem Zusammenhang finde ich, ist die Diskussion Totschlag/Mord zumindest gesamtgesellschaftlich anzusiedeln.

    z.B. gibt es auch eine Diskussion um die Frage, ob Bilder von abgetriebenen Föten evtl. Jugendgefährdend sind.

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