Freitag, 11. Dezember 2009

Wissen, Glaube und ein bisschen Erkenntnistheorie

Der Akzeptiker©: Weißt Du, wie spät es ist?
Der Schmoller: Du meinst wohl "glaubst Du, wie spät es ist"!


Was können wir wirklich mit absoluter und hundertprozentiger Sicherheit wissen? Wer noch nie über diese Frage gestolpert ist, könnte durchaus von der Antwort überrascht sein. Die Antwort lautet nämlich: Nichts.

(Wobei ich hier das introperspektivische Wissen um die eigene Existenz nach Descartes ausschließen möchte, da dieses per Definition nicht nach außen demonstrierbar ist.)

Ich hoffe, dass ich mit meinem Märchen über die Erkenntnistheorie den Leser soweit vorbereitet habe, dass die Einsicht leicht fällt. Wenn man eine Aussage bewiesen hat, kann man sich trotzdem nicht absolut sicher sein, dass diese Aussage auch stimmt. Es könnte sich ja ein Fehler in den Beweis eingeschlichen haben oder die Beweismethode an sich könnte irgendwie unvollkommen sein. Das heißt also, dass man den Beweis beweisen muss. Und den Beweis des Beweises des Beweises. Und so weiter und so fort...

Ehrlich gesagt, empfinde ich diese Erkenntnis als höchst trivial und sie kann wohl nur deswegen schockieren, weil sie unseren naiven Erwartungen zuwiderläuft. Wenigstens in der Mathemtik, so könnte man hoffen, sollte doch alles auf einer unanfechtbaren Basis stehen. Von wegen...

Im allgemeinen kann man die Reaktionen auf diese erschütternde Erkenntnis in zwei Kategorien einteilen. Da gibt es zum einen den Schmoller und zum anderen den Akzeptiker©.

Der Schmoller: Echtes Wissen ist prinzipiell unerreichbar und existiert daher nicht. Das, was man im allgemeinen Wissen nennt, ist also bloß ein Glaube. Da alle Glaubensinhalte auf einer ähnlichen, nämlich letzendlich wackligen Basis stehen, sind diese auch in ihrer Rationalität gleichwertig und vernünftig. Somit ist kein Glaube besser als der andere.

Ich hoffe, dass die Probleme dieses Standpunkts, den viele Gläubige mit den Postmodernisten teilen, offensichtlich sind.

Zu allererst sollte klar sein, dass Glaubensinhalte vollkommen beliebig werden und unabhängig von ihrer eigenen Absurdität gleichwertig nebeneinanderstehen. Der "Glaube" an den Materialismus ist genauso vernünftig wie der Glaube an einen Gott, welcher genauso vernünftig ist wie der der Glaube an die Heilwirkung von schlichtem Wasser (i.A. als Homöopathie bekannt), welcher genauso vernünftig ist wie der Glaube an Feen und Kobolde, welcher genauso vernünftig ist wie der Glaube an den Käsemond, welcher genauso vernünftig ist wie die Überzeugung der wiedergeborene Napoleon zu sein, welche genauso vernünftig ist wie die Überzeugung fliegen zu können und vom Dach zu springen.

Desweiteren kann man leicht zeigen, dass man die Wörter "Wissen" und "Glaube" nicht mehr sinnvollerweise einsetzen kann. Stellen wir uns dazu einfach Wissen und Glaube als zwei Töpfe vor und sortieren in diese alle Erkenntnisse. Offenbar müssen für den Schmoller alle Erkenntnisse in den Glaubenstopf einsortiert werden, während der Wissenstopf leer bleibt. Wozu sollten wir aber dann überhaupt sortieren und wozu bräuchten wir noch die Töpfe? Oder anders ausgedrückt: Wozu bräuchten wir überhaupt die Wörter "Wissen", wenn dieses auf gar nichts anwendbar ist, und "Glauben", wenn dieses auf alles anwendbar ist?

Ausserdem - und hier wird es wunderbar selbstbezüglich - gehört doch die Aussage, dass wir nichts wirklich wissen können, in den Glaubenstopf, oder? Der Schmoller glaubt also nur, dass wir nichts wissen können. Er kann sich ja noch nicht einmal hundertprozentig sicher sein, dass seine Sortierung in die Kategorien Wissen und Glauben richtig ist. Damit löst sich die Bedeutung der beiden Wörter vollkommen auf und der Schmoller verabschiedet sich von aller sinnvollen Diskussion.

Der Akzeptiker©: Wissen im absoluten Sinne ist prinzipiell unerreichbar und existiert daher für uns nicht. Auch wenn diese Erkenntnis unsere naiven Erwartungen entäuscht, so müssen wir das akzeptieren. Damit wir die Wörter "Wissen" und "Glaube" noch in einer sinnvollen Art und Weise benutzen können, müssen wir sie offensichtlich anders definieren als es uns unsere Intuition suggeriert und wir es gerne hätten.

In die Kategorie Wissen gehört alle Erkenntnis, die vernünftigerweise nicht angezweifelt werden kann. Dabei soll vernünftig als das angesehen werden, was demonstrierbar und prinzipiell objektivierbar mit der Realität korrespondiert. Eins plus Eins ist Zwei, weil die Wörter so definiert sind, dass diese Aussage wahr wird. Die Gravitationskraft existiert, weil wir diese messen können und messen. Die Evolutionstheorie ist die mit Abstand beste Erklärung für die Vielfalt der Arten, weil ihre Vorhersagen immer und immer wieder bestätigt worden sind. In die Kategorie Glaube gehören alle Aussagen, die (evtl. noch) nicht unter Wissen abzuheften sind.



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